Windstarke Regionen in Norddeutschland bieten großes Potenzial für die dezentrale Stromerzeugung mit Kleinwindanlagen – auch für stromintensive Betriebe aus der Landwirtschaft.
Ein Milchviehbetrieb in Schleswig-Holstein wollte eine 100-kW-Kleinwindanlage errichten – und musste sich über fünfeinhalb Jahre durch Behördenverfahren und Gerichtsinstanzen kämpfen. Der Landwirt gab nicht auf. Seit Mai 2025 liefert die Anlage zuverlässig Strom.
Das Ergebnis gibt ihm recht: Mit Stromgestehungskosten von 8 bis 11 Cent pro Kilowattstunde produziert die Anlage Strom deutlich günstiger als der Netzstrompreis. Die Investition amortisiert sich voraussichtlich in rund zehn Jahren – ein Projekt, das sich lohnen wird.
Dieser Artikel beschreibt das Projekt von der Motivation über Technik und Investitionskosten bis zu den Lehren aus dem Genehmigungsverfahren.
Inhaltsverzeichnis
Motivation des Betreibers
Landwirt Lorenz B. betreibt einen Milchviehbetrieb in Schleswig-Holstein. Der jährliche Stromverbrauch des Hofs liegt bei rund 250.000 kWh. Die größten Stromverbraucher sind die Melkmaschine, die Milchkühlung und die Biogasanlage.
Für den Landwirt war die Entscheidung für eine Kleinwindanlage vor allem durch zwei Faktoren getrieben. Zum einen der Wunsch nach einer möglichst hohen Eigenstromproduktion, um die Abhängigkeit vom Stromversorger zu reduzieren. Zum anderen die Überzeugung, die am Standort reichlich vorhandene Ressource Wind sinnvoll zu nutzen.
Mit einer geplanten Windstromproduktion von rund 200.000 bis 250.000 kWh kann ein Großteil des Stroms direkt auf dem Hof verbraucht werden. Genau dieser hohe Eigenverbrauchsanteil ist ein zentraler Hebel für die Wirtschaftlichkeit der Kleinwindkraftanlage.
Generell gilt: Stromintensive Unternehmen sind immer noch die besten Betreiber von Kleinwindanlagen.
Lage des Hofs & Windpotenzial
Der Hof liegt in einer windstarken Region Schleswig-Holsteins. Die Landschaft ist landwirtschaftlich geprägt, mit weiten Feldern und wenigen Bäumen. Das bedeutet: kaum Windbarrieren. Der Hof hat eine freie Anströmung aus der Hauptwindrichtung Südwest – ideale Voraussetzungen für eine Kleinwindanlage.
In der folgenden Abbildung erkennt man den Standort der Windanlage anhand des roten Punkts. Integriert ist die energiespezifische Windrose (Wind Power Rose), welche zeigt, dass Hauptwind Südwest ist. Der starke Wind kommt übers Jahr aus südwestlicher und westlicher Richtung. Dort sind ausgehend vom Standort der Anlage in 400 m Entfernung nur Felder zu sehen. Der Wind wird nicht durch Hindernisse gebremst.

Für die Bewertung des Windpotenzials ist die mittlere Jahreswindgeschwindigkeit in Nabenhöhe der Anlage maßgeblich. Die Nabenhöhe bezeichnet die Höhe der Rotormitte über dem Boden – in diesem Fall 37 Meter. Am Standort des Hofs liegt die mittlere Jahreswindgeschwindigkeit in dieser Höhe bei ungefähr 6,5 m/s. Das ist ein sehr guter Wert. Der wichtigste Schritt bei der Planung einer Kleinwindkraftanlage konnte mit positivem Ergebnis abgehakt werden: Prüfung des Windpotenzials vor Ort.
Energieanlagen des Hofs
Der Betrieb verfügt über drei Erzeugungstechnologien: Wind, Photovoltaik und Biogas. Eine Photovoltaikanlage mit 75 kW Leistung dient der Eigenstromversorgung. Eine zweite, größere Anlage mit 210 kW speist den erzeugten Strom vollständig ins Netz ein aufgrund des hohen Einspeisetarifs.
Das auf dem Hof erzeugte Biogas wird in eigenen Blockheizkraftwerken (BHKW) verstromt. Der Strom fließt teilweise in den Eigenbedarf, teils wird er ins öffentliche Stromnetz eingespeist und vergütet.
Das Energiemanagement des Hofs folgt einer klaren Priorität: Für den Eigenbedarf wird zuerst der Strom der Windanlage verwendet, dann Photovoltaik und zuletzt Biogas. Diese Reihenfolge maximiert die Erlöse aus der Einspeisung des Biogasstroms und senkt gleichzeitig die Strombezugskosten. Ein Stromspeicher ist derzeit nicht vorhanden, wird aber als mögliche Zukunftsoption in Betracht gezogen.

100 kW Kleinwindanlage
Die Kleinwindkraftanlage ist das Modell NPS 100-24 des Herstellers Northern Power Systems. Als empfehlenswerter Hersteller seit Jahren im Kleinwind-Marktreport vorgestellt.
Das Unternehmen wurde ursprünglich in den USA gegründet. Seit 2019 befinden sich Hauptsitz und Produktion in Italien.
Die Anlage hat eine Nennleistung von 95 kW (bei Wind von 12 m/s) und einen Rotordurchmesser von 24,4 Metern. Die Nabenhöhe beträgt 37 Meter, die Gesamthöhe bis zur höchsten Flügelspitze liegt bei 49 Metern.
Technisch setzt die Anlage auf ein getriebeloses Konzept. Diese Bauweise reduziert die Anzahl mechanischer Komponenten und damit den Wartungsaufwand. Hydraulik kommt lediglich für die Bremsanlage zum Einsatz. Die gesamte Technik einschließlich des Transformators ist im Turm untergebracht.
Northern Power Systems hat die Anlage für anspruchsvolle Umgebungsbedingungen konstruiert. Zahlreiche Anlagen dieses Typs laufen seit vielen Jahren unter harrschen Bedingungen beispielsweise in Alaska.
Die Anlage auf dem Hof wurde im Mai 2025 in Betrieb genommen. Da noch kein vollständiges Betriebsjahr vorliegt, lässt sich der tatsächliche Jahresertrag noch nicht abschließend bewerten. Die bisherige technische Verfügbarkeit liegt bei 99,99 Prozent – somit praktisch ein unterbrechungsfreier Betrieb.

Investition und Wirtschaftlichkeit
Kosten
Die schlüsselfertigen Gesamtkosten der Anlage belaufen sich auf rund 350.000 Euro. Umgerechnet auf die installierte Leistung entspricht das etwa 3.500 Euro pro Kilowatt. Das Fundament und die Kabelverlegung hat der Landwirt in Eigenregie organisiert, was die Kosten gesenkt hat. Öffentliche Fördergelder wurden für das Projekt nicht in Anspruch genommen.
Wartung
Der Wartungsaufwand fällt dank der getriebelosen Bauweise gering aus. Pro Jahr ist ein Wartungseinsatz erforderlich, der zwischen 3.500 und 4.500 Euro kostet. Die Wartung erfolgt über eine interne Leiter im Turm – ein teurer Hubsteiger ist nicht nötig. Einzig die Beläge der hydraulischen Bremsanlage müssen alle fünf Jahre erneuert werden.
Stromertrag und Eigenverbrauch
Bezüglich der jährlichen Stromerträge geht der Landwirt von einer konservativen Schätzung aus: 200.000 kWh. Auf Basis einer Schätzung des Windpotenzials muss man eher von rund 270.000 kWh ausgehen.
Von den 200.000 kWh werden voraussichtlich etwa 120.000 kWh direkt auf dem Hof verbraucht. Bei einem Strombezugspreis von 25 Cent pro Kilowattstunde ergibt sich allein durch den vermiedenen Stromeinkauf eine jährliche Ersparnis von rund 30.000 Euro.
Wirtschaftlichkeit
Die Stromgestehungskosten liegen je nach Ertragsannahme zwischen 8 und 11 Cent pro Kilowattstunde. Damit produziert die Anlage Strom zu einem Bruchteil des Bezugspreises von 25 Cent pro kWh. Die statische Amortisation liegt bei etwa 9 bis 11 Jahren – bei einer erwarteten Betriebsdauer von mindestens 20 Jahren ein solides Verhältnis.
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Baugenehmigung
Die Baugenehmigung war der schwierigste Teil des Projekts. Vom ersten Antrag bis zur Inbetriebnahme vergingen fünfeinhalb Jahre – einschließlich zweier Gerichtsverfahren.
Das Kernproblem: Die Behörde lehnte den Antrag ab, weil der Flächennutzungsplan keine Windkraftnutzung vorsah. Paradox, denn in nur einem Kilometer Entfernung stehen mehrere Großwindanlagen.
Dahinter steckt ein häufiges Missverständnis: Flächennutzungspläne für Großwindkraft gelten nicht automatisch für Kleinwindanlagen. Gerichte haben jedoch klargestellt, dass Kleinwindanlagen als privilegierte Vorhaben im Außenbereich grundsätzlich zulässig sein können – insbesondere in unmittelbarer Nähe zum landwirtschaftlichen Betrieb.
Die Erfahrungen zwischen Baubehörden variieren stark. Manche bearbeiten Anträge zügig, andere blockieren über Jahre. Der Landwirt hat den Rechtsweg nur mit Unterstützung eines befreundeten Anwalts und eines lokalen Architekten durchgehalten.
Reinout Oussoren, Geschäftsführer von Northern Power Systems, klagt über die die deutschen Behörden. In Italien oder Grossbritannien, wo das Unternehmen die meisten Kleinwindkraftanlagen installiert hat, werde die Baugenehmigung für Kleinwindanlagen in der Regel innerhalb von sechs Monaten erteilt, maximal in neun Monaten. „In Deutschland muss sich etwas ändern, sonst hat dezentrale Windkraft als klimafreundliche Option wenig Zukunft“, so Oussoren.

Netzanschluss
Die Windanlage ist an das Niederspannungsnetz angeschlossen. Das Kabel vom Turm bis zum Einspeisepunkt hat eine Länge von rund 130 Metern. Beim Anschluss der Anlage gab es keine Probleme mit dem Netzbetreiber.
Allerdings betreibt der Hof insgesamt eine beachtliche Erzeugungsleistung: 210 kW Photovoltaik-Einspeisung, mehrere Blockheizkraftwerke und nun zusätzlich 100 kW Windkraft. Für diese Menge an dezentraler Erzeugung reicht ein einzelner Netzübergabepunkt nicht aus. Der Betrieb verfügt deshalb über drei Trafostationen, die als Übergabepunkte zwischen dem hofeigenen Niederspannungsnetz und dem Mittelspannungsnetz des Netzbetreibers dienen.
Fazit
Das Projekt auf dem Milchviehbetrieb in Schleswig-Holstein zeigt, was mit einer Kleinwindanlage in der 100-kW-Klasse möglich ist. Bei einem windstarken Standort, hohem Eigenstromverbrauch und einer durchdachten Integration in das bestehende Energiekonzept rechnet sich die Investition.
Gleichzeitig macht der Fall deutlich, wo die größte Hürde liegt – und das ist nicht die Technik. Fünfeinhalb Jahre Genehmigungsverfahren, zwei Gerichtsinstanzen und ein Landwirt, der nur dank eines befreundeten Anwalts durchgehalten hat.
Nicht jedes Bauamt agiert so, manche Behörden bearbeiten Kleinwindkraft-Anträge zügig und kooperativ. Doch Fälle wie dieser kommen noch zu häufig vor. Es kann nicht sein, dass Unternehmen und Landwirte von der Politik angehalten sind, klimafreundlich zu agieren, aber dann von einzelnen Behörden vor Ort ausgebremst werden.
Andere Länder wie Italien und Grossbritannien zeigen, dass es auch anders geht. Für Deutschland bedeutet das: Wer dezentrale Windkraft als Baustein der Energiewende ernst nimmt, muss die Genehmigungsverfahren beschleunigen.
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